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Schulden - die ersten 5000 Jahre

Artikel vom 29.05.2017, 21:47 Uhr.

Dritter Stammtisch am 16. Mai 2017

Die Buchvorstellung als Impulsreferat von Claudia Thomas

David Graeber, Ethnologe und Wirtschaftsprofessor an der Londoner School of Economics, analysiert in seinem Buch die Rolle von Schulden in der Geschichte, vor dem Hintergrund von Revolutionen und sozialen Umbrüchen. Er kritisiert verschiedene grundlegende ökonomische Konzepte. Einige seiner Thesen, die er durch Geschichten gut belegt, lauten:

1.   Es hat immer schon Kredite (= Schulden) gegeben. Kredit galt als/ist ein Versprechen, das später eingelöst wird. Diese Art von Krediten war schon lange da, bevor es Geld und den Tauschhandel gab (Diese Aussage steht ganz im Widerspruch zu dem, was die Ökonomen an den Universitäten lehren!). Es ist und war der Bestandteil der menschlichen Beziehungen. Schulden galten als Ehrenschulden. Sie wurden am Ende eines Zeitabschnittes miteinander verrechnet.

2.   Die ursprünglichen Ökonomien bezeichnet Graeber als humane Ökonomien, deren Ziel es war, die Dinge des täglichen Bedarfes gemeinsam zu „erwirtschaften“. Die Erträge galten als Gemeingut.

3.   Schon in den humanen Ökonomien gab es Schuldknechtschaft und Sklaven, wobei der Wert eines Menschen immer mehr Wert war, als die Schulden.

4.   Auch die humanen Ökonomien kannten Schuldenkrisen, die zu Revolten und Revolutionen führten. In einigen Kulturen wurde das Erlassjahr eingeführt, wonach z.B. alle 7 Jahre ein Teil der Schulden erlassen wurden! Ebenso wurde die Schuldsklaverei in diesen Jahren aufgehoben.

5.   Geld und Märkte gab es erst mit der Einführung staatlicher Verwaltungssysteme, die einher gingen mit systematischen Eroberungen und Kriegen. Die Verlierer wurden als Sklaven gehandelt, sozusagen zu Märkten getragen. Erst damit erhielt das Geld seinen Einzug in die Geschichte!

6.   Mit dem zunehmenden Einfluss der Religionen auf den Staat – dieser Trend fand fast gleichzeitig in den damaligen Hochkulturen Rom, Indien und China statt – wurden vermehrt ethische Werte wie Wohltätigkeiten und Großzügigkeiten zum Kennzeichen des gesellschaftlichen Handelns.

7.   Auch wenn durch den Einfluss der Religion Regeln zum Schutz der Schuldner entstanden, so wurde der Kredit immer mehr zu einem Instrument des reinen Geldverdienens – die Entwicklung des Kapitalismus nahm seinen Lauf. Kredite waren nicht länger an die Ehre eines Menschen gebunden, sondern an knallharte Regeln und Verträge. Sie führten,  hielten und halten Menschen in Abhängigkeit, so zu sagen als modernen Sklaven! Verschärft wurde dieser Trend durch die Einführung des Zinses, der trotz dass er heftig umstritten und bekämpft wurde, sich als ökonomisches Prinzip bis heute durchsetzte.

Fazit: David Graeber hat ein faszinierendes Buch geschrieben; er erzählt Geschichten, viele Geschichten ohne dabei belehrend oder besserwisserisch aufzutreten. Es inspiriert, mögliche Wege aus der aktuellen Sackgasse der „Schuldenkrise“ zu suchen und zu finden. Einige Forscher und Wirtschaftswissenschaftler haben die Steilvorlage seines Buches dankend aufgegriffen.


Im Laufe der Diskussion wurden folgende Punkte diskutiert:

Macht: Wie entsteht Macht? Diese Frage konnte letztendlich nicht beantwortet werden; es war aber im Kreise der Anwesenden unverständlich, wie sich immer wieder die Macht auf Grund von Fähigkeiten einzelner Menschen in wenigen Händen zentrierte und diese missbraucht wurde.

Schuldenkrisen: Auch heute stecken wir in einer dicken Schuldenkrise – nichts Neues! Gesellschaften sind im Laufe der Geschichte immer wieder daran gescheitert! Nur: wie wird das Scheitern dieses Mal aussehen?

Eine große Gefahr wurde von den Anwesenden darin gesehen, dass wir heute nur ein einziges „Geldsystem“ haben – nämlich das des Schuldgeldes mit Zins. Es ist ein Grundprinzip der Evolution, dass sich aus einer Anzahl von Möglichkeiten, das „Bessere“ und „Geeigneter“ durchsetzt. Davon kann heute leider keine Rede sein! Daher wurde eine Lösung der heutigen Schuldenkrise in einer Revolution (Graeber) oder in einem Krieg (Terror – haben wir den nicht heute schon?)  oder in einer staatlichen Diktatur (Überwachung und Verordnungen nehmen zu und demokratische Errungenschaften ab!) gesehen. Eine friedliche Lösung wurde unter den Teilnehmern eher skeptisch gesehen.

Handelsüberschüsse: Auch dieses Thema wurde diskutiert – lange bevor es Trump ansprach und Überschüsse als „schlecht“ bezeichnete. Ein Überschuss erzwingt auf der anderen Seite eine Schuld, die beglichen werden muss. Jedoch wie kann ein Land sein Schuld jemals begleichen, wenn es immer mehr importiert, als exportiert? Und anders herum: wie kann ein Land wie Deutschland es verantworten, über Jahrzehnte Überschüsse anzuhäufen und andere Länder in Schuldenkrisen zwingen?

Dieses Thema der Handelsüberschüsse wird im nächsten Stammtisch am 18.7. um 19:30 Uhr weiter beleuchtet. Überschrieben wird der Stammtisch mit der provokanten Frage, die Graeber in seinem Buch aufwirft: „Müssen Schulden zurückgezahlt werden?“


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